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Federwelt
Hans Peter Roentgen
     
Partizipien, Partizipialkonstruktionen

Die wundersame Vermehrung der Partizipien – Oder: Wann die Finger vom Partizip lassen?
Von Hans Peter Roentgen

 

Was war noch mal ein Partizip?
Von Anke Gasch und Hans Peter Roentgen

Das Partizip, auch „Mittelwort“ genannt, ist „eine Verbform“, die eine „Mittelstellung zwischen Verb und Adjektiv einnimmt“, sagt der Duden. Soll heißen: Partizipien sind Mischformen aus Verb und Adjektiv.

Partizipialsätze oder -konstruktionen sind Nebensätze, die ein Partizip enthalten. Das Partizip I bezeichnet man als „Mittelwort der Gegenwart“ (laufend), das Partizip II als „Mittelwort der Vergangenheit“ (gelaufen). Haben Haupt- und Nebensatz das gleiche Subjekt, können wir Partizipien nutzen, um

  • Nebensätze kurz zu halten,
  • die Aufmerksamkeit der LeserInnen gezielt auf die Aussage im Hauptsatz zu lenken,
  • zu verdeutlichen, dass zwei Handlungen gleichzeitig stattgefunden haben oder dass die Handlung im Partizipialsatz (mit dem Partizip II!) die erste von zweien war.

Anders als im Englischen oder Lateinischen sind Partizipien im Deutschen eher ungebräuchlich und klingen sehr nach Beamtendeutsch. Sie sind keine aktiven Verbformen, sondern klingen wie geronnene Aktivitäten.

 

Partizipien zu nutzen ist in den letzten Jahren zur Mode geworden. Im Deutschen. Ich weiß nicht, in wie vielen Manuskripten ich bereits Formulierungen gelesen habe wie: Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose. – So etwas schreibt man schnell mal hin. Wäre weiter nicht schlimm; bei der Überarbeitung lässt es sich verbessern: Er griff nach seiner verknüllten Hose, könnte man daraus machen. Oder, wenn wichtig wäre, dass die Hose vor dem Bett liegt: Er griff nach seiner Hose, die vor dem Bett lag, wahlweise auch: Er griff nach seiner Hose vor dem Bett.

Leider finden sich „Partizipkonstruktionen“* mittlerweile auch in veröffentlichten Büchern – egal, ob von Selfpublishern oder Verlagen.

Partizipien im Lateinischen wirken elegant. Wer – wie ich – noch ein humanistisches Gymnasium mit ausführlichem Lateinunterricht besucht hat, erkennt Lateinlehrer meist nach dem ersten Satz. An den ausgefeilten Partizipialkonstruktionen, dem Deutsch mit lateinischer Grammatik. Heute dürfte eher das Englische an der wundersamen Vermehrung der Partizipien schuld sein. Und die Bequemlichkeit. Mit Partizipien lassen sich schnell noch zusätzliche Informationen in einen Satz packen, ohne dass man sich lange Gedanken machen muss: Ohne die bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten eines Blickes zu würdigen, da wird die Information reingequetscht, dass die Toten bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. „Partizipkonstruktionen“ sind das Mittel der Wahl, um den Leserinnen und Lesern unnütze Details mitzuteilen. Denn wie viele Tote verbrennen schon so, dass man sie auf Anhieb wiedererkennt?

Hier noch ein Beispiel: Im Gang knieten drei Menschen mit auf den Rücken gefesselten Händen. Klingt das elegant? Dabei lässt sich auch dieser Satz leicht verbessern: Im Gang knieten drei Menschen, die Hände auf den Rücken gefesselt.

Die Beispiele zeigen ein Problem, das Partizipien im Deutschen mit sich bringen können. Das Deutsche verwendet Artikel. Und wenn ich eine umfangreichere Information in eine „Partizipkonstruktion“ setze, dann werden der Artikel und das dazugehörige Substantiv weit auseinandergerissen: Die mit schwarzen Gesichtern versehenen und zur Unkenntlichkeit verbrannten Toten ...

Sagen Sie nicht, sowas würde niemand schreiben. Mir flattern täglich Texte auf den Schreibtisch, die das Gegenteil beweisen.

Ein weiteres Beispiel: Ihre mit Klappern und Klirren verbundene Betriebsamkeit in der Küche versprach ein baldiges, wenn auch karges Frühstück.

Nun stehen immer noch fünf Wörter zwischen dem Artikel und dem dazugehörenden Substantiv.

Ach ja, haben Sie es gemerkt? Ich habe selbst eine „Partizipkonstruktion“ verwendet: „das dazugehörende Substantiv“. Aber ich habe mich auf ein Partizip beschränkt und nicht noch weitere Infos dazugepackt. „Das mit zusätzlichen Infos aufgeblähte dazugehörende Substantiv“ wäre eine problematische Formulierung. Übrigens lässt sich auch obiges Frühstücksbeispiel leicht verbessern: In der Küche klapperten Teller, klirrte Besteck und versprachen ein baldiges, wenn auch karges Frühstück. Vorteil: Durch die aktiven Verben wirkt der Satz nicht nur dynamischer, er liest sich auch leichter.

Warum oder wann sind Partizipien problematisch?

 

  • Wenn zwischen dem Artikel, dem Partizip und dem dazugehörenden Substantiv viele Wörter stehen, leidet die Verständlichkeit, weil zwischen Artikel und dazugehörigem Wort eine Menge Infos eingeklemmt werden. Die Leserinnen und Leser müssen verklemmte Konstruktionen entschlüsseln.
  • Sie werden gern als Wörter verwendet, die Hilfsverben ähneln. Zum Beispiel „die vor dem Bett liegende Hose“. „Das bereits vor Stunden begonnene Kochen des Mittagsessens.“ Oft haben die Partizipien wenig oder gar keine Aussagekraft. Das Mittagessen kochte bereits seit Stunden und die Hose vor dem Bett sind eleganter und auch verständlicher.
  • Aus Punkt zwei folgt: Meist blähen Partizipien den Text auf; er gibt sich wichtiger, als er ist. Wirkt pompöser. Viele Partizipien gehören zu den Füllwörtern und lassen sich ersatzlos streichen.

 

Mit Partizipien können Sie eine „wundervolle“ Bürokratensprache produzieren: Die hier gemeldete und unter dem Spitznamen Rotkäppchen allseits bekannte Person mit einem rot gefärbten, auf dem Kopf getragenem Kleidungsstück, ist eine Sprache, mit der Sie alle, die Bücher schätzen und viel lesen, davon abhalten können, Ihre mit viel Mühe erstellten Werke zu genießen**.

In einem Polizeibericht wäre eine derartige Aufzählung sinnvoll, dort muss alles erwähnt werden. In einer Geschichte ist sie Gift.

 

**Und so liest sich dieser Teil des Satzes, wenn ich ihn mit Partizipien spicke:[...] ist eine Sprache, mit der Sie Bücher schätzende und viel lesende Personen von dem gewünschten Genuss Ihrer mit viel Mühe erstellten Werke abhalten können.

Die Dosis macht das Gift

Also lieber gar keine Partizipien verwenden? Nein, es kommt wie immer auf die Dosis an. Kontrollieren Sie einfach, wie viele Partizipien Sie verwenden. Drucken Sie zwei Seiten aus Ihren Texten und streichen Sie jedes Partizip an. Wie viele sind es? Eins pro Seite? Oder eins pro Satz?

Prüfen Sie als Nächstes, wie komplex Ihre „Partizipkonstruktionen“ sind: Verwenden Sie mehr als ein oder zwei Wörter zwischen Artikel und Substantiv? Ausufernde Wortungetüme sollten Sie ausdünnen. Entweder durch Relativsätze – da dürfen Sie dann ausführlicher schreiben – oder indem Sie das Partizip in eine aktive Verbform überführen.

Eine weitere Alternative lautet: Sie streichen es. Denn viele Partizipien sind überflüssig, wie Sie gesehen haben. Nehmen Sie nochmals Ihren Text. Löschen Sie alle Partizipien. Drucken Sie diese Version ebenfalls aus. Legen Sie beide nebeneinander. Sie werden schnell feststellen, welche Partizipien Sie streichen können. Weil der Text dadurch klarer wird und an Tempo gewinnt. Und natürlich sehen Sie so auch, welche Sie doch brauchen.

Autor: Hans Peter Roentgen | www.hanspeterroentgen.de
In: Federwelt, Heft 117, April 2016
 

 

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Partizip

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www.mein-deutschbuch.de/lernen.php?menu_id=69

 

PS: *In der Fachliteratur spricht man von „Partizipialkonstruktionen“, ich habe den Begriff „Partizipkonstruktionen“ gewählt, weil man es sich so besser merken und verstehen kann.

 

Dr. Angelika Jodl ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. Etwa 4000 Studenten von Fidschi bis Island hat sie bisher die deutsche Sprache beigebracht, beim Montségur Autorenforum ist sie DIE Fachfrau für Grammatik. Nicht nur, weil sie eine Menge darüber weiß, sondern auch, weil sie ihr Wissen besonders klar und verständlich erklären kann. Auch in ihrem Roman – „Die Grammatik der Rennpferde“, erscheint Mai 2016 bei dtv premium – werden die Regeln der deutschen Sprache eine Rolle spielen.

> www.dtv.de/buecher/die_grammatik_der_rennpferde_26105.html

 

Partizipialkonstruktionen verstehen und sinnvoll anwenden

Angelika Jodl im Gespräch mit Hans Peter Roentgen

 

Hans Peter Roentgen: Er griff nach der vor dem Bett verknüllt liegenden Hose. Um welche Konstruktion handelt es sich dabei?

Angelika Jodl: Du meinst das „verknüllt liegenden“ vor der „Hose“, ja? –Das sind zwei Partizipien. Einmal Partizip II – verknüllt. Das andere Mal Partizip I – die liegende Hose. Partizip-I-Konstruktionen haben immer einen aktiven Charakter, soweit man bei „liegen“ von Aktivität sprechen kann. Aber immerhin liegt die Hose, gelegt wurde sie nicht. Beim Partizip II dagegen geht es meist passiv zu: Die Hose wurde verknüllt.

Partizipien sind ehemalige Verben, die den Status des Verbs noch nicht ganz aufgegeben haben, obwohl sie sich inzwischen durchaus wie ein Adjektiv aufführen. Sie partizipieren an beiden Wortarten, deshalb heißen sie „Partizip“. Man betrachte die offene Tür und die geöffnete Tür. Adjektiv versus Partizip. Die Sache ist die gleiche. Aber bei der partizipialen Form schwingt noch die Ahnung mit, dass da jemand war, der die Tür geöffnet hat. Beim Adjektiv gehört das Offensein sozusagen zum Charakter der Tür.

Und welche Funktion hat die partizipiale Form in unserem Beispiel?

Die Funktion von Partizipien ist die eines Attributs. Attribute erklären einen Gegenstand. Dabei verhalten sich Partizipien genauso wie ein normales Adjektiv: die graue Hose, die verknüllte Hose, die vor Wut verknüllte Hose ... Wie du siehst, sind solche Attribute erweiterbar, prinzipiell bis zur Unendlichkeit: die in einem Anfall grausamer Wut, ausgelöst durch den soeben entdeckten Brief seiner Verlobten, welche ihm mitteilte, ..., verknüllte Hose.

In deinem Beispiel besteht die Erweiterung aus einer Ortsangabe – vor dem Bett. Als Information für den Leser ist das möglicherweise nicht notwendig. Als grammatikalische Konsequenz des Verbs „liegen“ jedoch schon. Wer immer liegt, steht, sitzt – er braucht ein Wo, um das zu tun. Dieses „vor dem Bett liegen“ hat der Autor besonders erwähnenswert gefunden und dazu das „Verknüllte“ als Adverb davorgeschraubt. Ist auch das notwendig? Ich weiß es nicht, da ich den Kontext nicht kenne. Sollte ich nur eine Streichung frei haben, würde ich verknüllt behalten, und vor dem Bett liegende streichen, da es weniger plastische Information enthält. Kann aber gut sein, dass es den Text erleichtert, wenn beide gehen.

Was sind deiner Meinung nach die Vor- und was die Nachteile solcher Konstruktionen? Wann sollte man sie besser nicht verwenden, wann entfalten sie Wirkung?

Auf der einen Seite leisten Partizipien eine Verknappung. Die Alternative zu ihnen wäre nämlich ein Relativsatz. Auch Relativsätze erklären ihren Gegenstand, das tun sie aber als Satz – womit sie zwangsläufig um wenigstens ein Wort anschwellen: Die Hose, die verknüllt wurde versus Die verknüllte Hose. Wegen dieser Verknappungsleistung erfreuen sich Partizipien größter Beliebtheit bei der deutschen Wissenschafts- und Amtssprache. Beide sind stolz darauf, sachlich, objektiv und auf keinen Fall beschwingt oder poetisch daherzukommen. Nur Informationen bitte, kein Dekor! Als Folge schleppen sich die Sätze in wissenschaftlichen Büchern oder Amtsblättern oft herum, als ginge ihnen gleich die Puste aus. Aus einem wissenschaftlichen Werk, wahllos aufgeschlagen: ... dass die Bedeutung zusammengesetzter Ausdrücke sich aus den Bedeutungen der sie konstituierenden einfacheren Ausdrücke ergibt. (1) Das mag man als Dichte wahrnehmen. Erkennbar ist aber auch die Atemnot, unter der solche Sätze leiden. Weil das Partizip ja immer noch auch Verb ist, kann es Ergänzungen notwendig machen – so wie deine Hose nicht einfach liegt, sondern ihren Ort vor dem Bett braucht. So etwas kann die Parade an Attributen vor dem Nomen gehörig in die Länge ziehen und am Ende das Verständnis erschweren.

Nun mag ich aber durchaus nicht schreibratgeberisch zur Ausrottung von Partizipien aufrufen. Es gibt genügend Texte, wo gerade der Gleichklang durch diese Form für einen besonderen poetischen Charakter sorgt. Hier etwa:

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes ...

ge...en, ge...en, ge...en ... – Das hypnotisiert doch geradezu.

Oder in Erich Kästners doppeltem Lottchen: [...] der graue Zwerg Heimweh [...] zählt [...] die Kindertränen [...], die geweinten und die ungeweinten. (2)

Ist das in seiner sachlichen Knappheit nicht schöner, als wenn der Autor umständlich erklärt hätte, dass man vor Heimweh manchmal auch nicht weinen kann?

Oder hier, ein Zitat aus demselben Buch: Lotti, der halbierte und vertauschte Zwilling, gerät in wachsende Erregung. (3)

Das hätte er natürlich auch anders sagen können: Man hat die Zwillinge halbiert und vertauscht, und nun ... Aber dann wäre der wundervolle, leis-ironische Tonfall weg. Den erreicht Kästner nämlich erstens durch das maskuline Nomen der Zwilling und zweitens durch die so amtssprachlich kühl klingenden Partizipien. Lottis Lage selber ist zum Weinen und hochdramatisch. Aber ihr Erfinder schlägt einen sachlichen Tonfall an. Diese Ironie rührt doppelt.

Gibt es Unterschiede zwischen Partizipien im Lateinischen, Deutschen und Englischen? Oder kann man sie eins zu eins übernehmen?

Also, dazu musst du eigentlich einen Lateiner oder Anglisten fragen. Ich kann nur sagen, dass in den romanischen Sprachen wie im Englischen Partizipialsätze weit verbreitet sind, was für sich keinerlei Ärger auslöst, bei der Übertragung ins Deutsche aber oft erst interpretiert werden muss, und bei einer direkten Übersetzung meist fürchterlich steif wirken würde: Reading these lines I feel extremely irritated.

Das könnte man zeitlich interpretieren: Während ich diese Zeilen lese ... Oder instrumental: Indem ich ... Oder vorzeitig: Nachdem ich ...36421 36421 S oliver 36421 Schneestiefel S Mädchen S Schneestiefel oliver Mädchen oliver Mädchen wOTlZPukXi Jedenfalls wäre die direkte Übersetzung: Diese Zeilen lesend fühle ich mich extrem irritiert. – Extrem irritierend, oder?

 

Angelika Jodls Homepage: www.angelika-jodl.de

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(1) Helmut Frosch. Indefinitum und Quantifikativum. In Ludger Hoffmann (Hrsg.): Handbuch der deutschen Wortarten; Walter De Gruyter, S. 393.

(2) Erich Kästner: Das doppelte Lottchen; Dressler, S. 8.

(3) Ebenda, S. 76.

 

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